Sonntag, 9. März 2008

Kita-Volksbegehren:

Berliner Eltern sind sauer auf den Senat: Mehr Betreungspersonal in Kindertagesstätten werden gefordert!

Der Berliner Landeselternausschuß Kintertagesstätten (LEAK) hat ein neues Volksbegehren initiiert. Die Forderungen sind:

  • Rechtsanspruch auf sieben Stunden Betreuung ab 3 Jahre
  • Einstellung von zusätzlichem pädagogischen Personal
  • Recht auf Fort-und Weiterbildungen
  • Verbindliche Anerkennung von Vor- und Nachbereitungszeiten
  • besserer Kita-Leitungskraftschlüssel

Die Forderungen sind sicherlich richtig, wichtig und notwendig. Zu begrüssen ist vor allem, dass die Eltern ihre Sache nun selber in die Hand nehmen und die Politiker_innen mit einem Gesetzentwurf zu Taten und nicht nur zu leeren Worthülsen zwingen können.

In einer Gesellschaft, in der sich alle Welt einig ist, dass die "frühkindliche Erziehung und Bildung" als Schlüssel für die Zukunft jedes Kindes angesehen werden kann, ist es nur allzu bitter, dass Erkenntnis und Tat so weitgehend divergiert. Und auch hier muss noch einmal notwendigerweise, auf die Rolle der Kitabildung hinsichtlich ihrer Integrationschancen hingewiesen werden. Kann ja nicht oft genug passieren.

Nun aber zur Kritik: Etwas skeptisch war ich schon, als ich den Titel des Begehrens las. Kitakinder + Bildung von Anfang an = Gewinn für Berlin. Naja, dachte ich, irgendwie wäre es ja schon ein "Gewinn". Doch die Skepsis war berechtigt. In der Begründung ist dann folgende Passage zu finden:

"Neue Erkentnisse zur frühkindlichen Bildung, vorgetragen von Prof. Dr. J. Kluge, wie auf dem Kongress „McKinsey bildet“:„...Investitionen in qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung zahlt sich später ökonomisch aus... McKinsey Langzeitstudien, die sich auf Vorschulprogramme stützen, versprechen eine Rendite von 12%, Hochschulausbildung zum Beispiel liegt deutlich dahinter zurück: zwischen 3–4 %. ...Nur eine hochentwickelte führende Volkswirtschaft kann den Wohlstand erhalten. Bildung ist in diesem Kontext die volkswirtschaftlich wichtigste Investition."

Ein absolutes "Armutszeugnis", wenn Eltern ihre Kinder nach McKinsey-Logik hinsichtlich ihrer zukünftigen Renditeerwartung bewerten. Es gibt unzählige Studien, unzählige Begründungen für einen Ausbau der Frühkindlichen Bildung. Aber nein. Der Elternausschuss ist schon so "infiziert", dass er McKinsey mit seinem Renditescheiss auf den Leim geht. Und was soll uns dieses Zitat eigentlich sagen, dass an der Hochschulbildung gespart werden soll ? Das wir die Kitas und Kinder zukünftig als Aktienmodelle bewerten sollen ?

Die "Lernfähigkeit" an sich, das "Lernbedürfnis" an sich, das "Kind sein" an sich, die notwendige "Aufsicht und Aufmerksamkeit für ein Kind" an sich, die "Möglichkeit "familiäre Verhältnisse" zu korrigieren und den Kinder überhaupt eine Chance bieten" an sich. Nein 12 Prozent Rendite.

Trotz alledem ist die Forderung natürlich richtig, dafür die Begründung umso mieser. Hier die Volksbegehren als download:

Antrag zum Volksbegehren pdf und Infos: Landeselternausschuss

Und hier einige Links zur Beraterrepublik um McKinsey, vielleicht geht ja einigen beteiligten Eltern doch noch ein Licht auf:

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

in der taz vom 8.03.08 macht eine der initiator_innen, andrea brensing darauf aufmerksam, dass man ja um die forderung zu finanzieren die bereits beschlossene "kostenlose Betreuung" der Kinder wieder rückgängig machen könnte. "Viele Eltern sind gern bereit, einen gewissen Betrag zu bezahlen zugunsten einer guten Betreuung." Da ist wohl der "gebildete Mittelstand" am buhlen, weil er Angst vor dem sozialen Abstieg hat. Das ist ja alles gut mit den Forderungen, aber doch nicht au Kosten von sozialen Spaltungen.

Anonym hat gesagt…

Wer in der Presse schonmal zitiert wurde weiß ganz genau, daß oft nur "Mittelsätze" als Schlagzeilen verwendet werden. Zu komplett kostenfreien KitaKosten wurde ein Mittelweg vorgeschlagen, damit es eben nicht eine soziale Spaltung gibt, und unsere Kinder in einem 2-Klassensystem zwischen öffentlicher und privater Kita aufwachsen. Meine Bedenken richten sich eher dahin, was man von einer kostenfreien Kita an Qualität und frühkindlichen Bildung, bzw. Sprachförderung verlangen kann, wenn es jetzt schon Engpässe gibt.

Anonym hat gesagt…

zu den bedenken ein kleines
Zitat aus OECD: The Political Feasibility of Adjustment Policy. Brief No. 13, 1996 (S.28).

Gelenkte (Un-)Bildung - nur merken soll´s keiner:

"Im Anschluss an diese Darstellung riskanter Maßnahmen lassen sich nun viele Maßnahmen empfehlen, die keinerlei politische Schwierigkeiten bereiten.

Um das Haushaltsdefizit zu reduzieren, sind sehr substantielle Einschnitte im Bereich der öffentlichen Investitionen oder die Kürzung der Mittel für laufende Kosten ohne jedes politische Risiko.

Wenn Mittel für laufende Kosten gekürzt werden, dann sollte die Quantität der Dienstleistungen nicht reduziert werden, auch wenn die Qualität darunter leidet.

Beispielsweise lassen sich Haushaltsmittel für Schulen und Universitäten kürzen, aber es wäre gefährlich, die Zahl der Studierenden zu beschränken. Familien reagieren gewalttätig, wenn ihren Kindern der Zugang verweigert wird, aber nicht auf eine allmähliche Absenkung der Qualität der dargebotenen Bildung, und so kann die Schule immer mehr dazu übergehen für bestimmte Zwecke von den Familien Eigenbeiträge zu verlangen, oder bestimmte Tätigkeiten ganz einzustellen.

Dabei sollte nur nach und nach vorgegangen werden, z.B. in einer Schule, aber nicht in der benachbarten Einrichtung, um jede allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung zu vermeiden."